Vorstellung von Werken und Komponisten

Magnificat anima mea

Meine Seele preist den Herren

 

Unter diesem Leitspruch möchte der Kammerchor einige Kompositionen samt ihren Komponisten aus vier Jahrhunderten vorstellen. Beginnen wir mit den am weitesten zurückliegenden Werken:

William Byrd (1543-1623): „Sing joyfully unto God“

Dies ist die sehr schwungvolle Vertonung des 81. Psalms, der da lautet:

Singet fröhlich Gott, der unsere Stärke ist; jauchzet dem Gott Jakobs! Nehmet die Psalmen und gebet her die Pauken, liebliche Harfen mit Psalter. Blaset im Neumonden die Posaunen, in unserm Fest der Laubrüste. denn solches ist eine Weise in Israel und ein Recht des Gottes Jakobs.

Byrd´s musikalisches Leben begann mit seiner Anstellung als Organist in Lincoln 1563. Er war Schüler von Thomas Tallis, mit dem er später auch eng zusammen arbeitete, denn sie bekamen von Elisabeth I. das Druckrecht für Noten. Obwohl Byrd überzeugter Katholik war, wurde er nicht mit dem Tod bedroht, weil seine Musik bei der Königin großen Anklang fand und er auch für den Gottesdienst der anglikanischen Kirche Werke schrieb. Die heutige Motette ist der liturgische Abschluß des „Great Service“.

Michael Praetorius (1571-1621): „Maria Magdalena et altera Maria“

Maria aus Magdala und zwei andere Frauen gehen am 3. Tag zum Grabe Jesu, um ihn zu salben und finden seinen Körper nicht. Statt dessen finden sie einen Jüngling vor, der ihnen sagt, daß Jesus auferstanden sei und vor ihnen nach Galiläa gegangen ist, wo sie ihn fänden. Das sollten sie auch seinen Jüngern sagen.

Diese Ostergeschichte aus dem Markus-Evangelium setzt Praetorius um für 3 Soprane und eine Tenorstimme. Die Vertonung stammt aus seiner Sammlung Musarum Sioniarum Teil III, die er in dem Zeitraum zwischen 1605 und 1611 verfasst hat. Er war zu der Zeit Hofkapellmeister in Wolfenbüttel unter der Regentschaft von Herzog Heinrich JuliusI. Diese Stellung behielt er sein Leben lang, zusätzlich wurde er nach 1613 noch als Hofkapellmeister „von Haus aus“, quasi als Leihkapellmeister in Dresden angestellt, wo er Dienstherr von Heinrich Schütz war.

Eine intensiv dramaturgisch aufgearbeitete Version der Ostergeschichte bietet Domenico Mazzocchi (1592- 1665) in seinem „Dialogo della Maddalena“, einem „Mini-Oratorium“ (1664 veröffentlicht). In diesem lässt er die Maria Magdalena (Sopran) verzweifelt nach dem geliebten Leib Jesu suchen, immer wieder unterbrochen durch einen 8-stimmigen Chor, welcher ihren Gemütszustand und den der Zuhörer illustriert. Sie erhält die Antwort von 2 Engeln (2 Soprane), worauf sie beschließt, beharrlich nach ihm weiter zu suchen. Der ebenfalls 8-stimmige Schlusschor preist ihre aufopfernde Liebe als große Tugend, der alle nachstreben sollten. In diesem Opus zeigt Mazzocchi einen der römischen zeitgenössischen Oper entnommenen Stil, deren Entwicklung er maßgeblich beeinflusst hat.

Johann Schop (1590-1667) „Deutsches Magnificat“:

Sein Magnificat ist dem 1. Teil geistlicher Konzerte von 1644 entnommen. Es ist die von Luther eingedeutschte Fassung des lateinischen „magnificat anima mea“, meine Seele erhebt den Herren. In der Komposition verwendet er immer wieder die musikalischen Floskeln des „tonus peregrinus“, der dem Magnificat zugrunde liegt und der vor allem in Vertonungen protestantischer Komponisten verwendet wird.

Schop wurde 1614 als Violinspieler in der Wolfenbütteler Hofkapelle angestellt, sein Kapellmeister war Michael Praetorius. Die Musiker jener Hofkapelle mussten mehrere Instrumente beherrschen, was ihm bei seinen späteren Anstellungen zugute kam. Nach einem 4-jährigen Intermezzo in Kopenhagen kam er 1619 nach Hamburg, wo er zunächst nur Musiker, wenig später auch Direktor der Hamburger Ratsmusik wurde. Zusätzlich hatte er das Amt des Organisten an St. Jacobi in Hamburg inne.

Sebastian Duròn (1660-1716) „Ave maris stella“:

Diese Anrufung Mariens ist eines der Hauptgebete der katholischen Kirche. Der ursprüngliche Gruß des Engels ist eine Auszeichnung und in seiner Wiederholung durch die Gläubigen ein Lobpreis auf Marias universale Heilstat, ihre Tugenden und ihre mächtige Fürsprache. Diese drei Gesichtspunkte werden in 7 Strophen sowohl formal als auch inhaltlich sorgfältig ausgeführt. Duron als wichtigster musikalischer Vertreter des spanischen Barock setzt die Worte in einen 8-stimmigen Chor, teils homophon, teils chorisch alternierend mit Unterbrechung durch jeweils zwei Verszeilen des gregorianischen Chorals.

Im Alter von 20 Jahren wurde Duròn 2. Organist an der Kathedrale zu Sevilla, 5 Jahre später zum 1. Organisten befördert wechselte er dennoch zur besser dotierten Stelle nach Palencia. Wenig später wurde er Mitglied der Real Capilla in Madrid und mußte dort für Opernmusik sorgen, bis er aus politischen Gründen 1706 in die Verbannung nach Frankreich geschickt wurde.

Johann Sebastian Bach (1685-1750) „Der Geist hilft unsrer Schwachheit auf“ BWV 226

Bach schuf diese 8-stimmige Begräbnismotette anno 1729 anlässlich der Beerdigung des Universitätsrektors Ernesti. Sie ist Teil eines Zyklus von 6 Motetten. Der Text ist aus dem Römerbrief Kap.8, V. 26+27, die 3. Strophe stammt von Martin Luther. Dadurch, daß Instrumentalstimmen nicht explizit aufgeführt sind, wird es möglich, diese Motette auch a cappella auszuführen. Bach war zur Entstehungszeit der Motette schon 6 Jahre im Amt des Thomaskantors in Leipzig, nachdem er davor eine gute Stelle in Weimar innehatte, bei der er jedoch nicht viel Kirchenmusik komponieren musste. Daß er nach Telemann und Graupner eigentlich nur 3. Wahl bei der Neubesetzung des Amtes war, ist heute nicht mehr nachvollziehbar.

Giuseppe Verdi (1813-1901): „Ave Maria“ und „Laudi alla Vergine“

Von dem berühmten Opernkomponisten stammt eine Sammlung von „4 pezzi sacri“ (4 sakrale Stücke), von denen zwei erklingen sollen. Das erste baut auf einer enigmatischen, rätselhaften Tonskala auf und ist für 4-stimmigen gemischten Chor gedacht, das zweite ist für 4 Solistinnen, wird aber allgemein als Frauenchor aufgeführt. Sie wurden im Zeitraum 1887-1889, also sehr spät komponiert, als Verdi seine großen erfolgreichen Bühnenwerke schon hinter sich hatte. Der Text der Laudi ist insofern interessant, als Verdi hier Dantes Paradiso (Divina Commedia) zitiert und er kompositorisch an die Renaissance anknüpft. Verdi´s Laufbahn hatte als Kirchenmusiker begonnen und er wollte sie auch mit Kirchenmusik beenden.

Charles Villiers Stanford (1852-1924): „Beati Quorum Via“

Aus seinem Opus 38, 1905 komponiert, welches noch 2 weitere lateinische Motetten enthält, soll das Beati quorum via erwählt sein. Seine Übersetzung lautet: „Wohl denen, die ohne Tadel leben, die im Gesetz des Herrn wandeln“. Seine Komposition ist für 6-stimmigen Chor im Stil der Renaissance gemacht; er gibt damit einen Anstoß zur Wiedererweckung der Renaissance in England und damit einer allgemeinen Tendenz der Zeit, Komponisten aus früheren Jahrhunderten wieder Gehör zu verschaffen.

Stanford stammt aus einer musikalischen Familie in Dublin, wo auch sein Talent schnell erkannt wurde. Seine Studien in London und Hamburg führten dazu, daß er schließlich ab 1887 eine Professur für Musik an Universität Cambridge inne hatte. Unter anderen gehörten auch Gustav Holst und Herbert Howell zu seinen Schülern. Er hinterließ etliche groß besetzte Werke: Rhapsodien, Opern, ein Oratorium, eine Messe und viele, meist irische Lieder. Sein Grab ist in Westminster Abbey zu finden.

Olivier Messiaen (1908-1992): „O sacrum convivium“

Dieses Werk, welches er 1937 veröffentlichte, hat er für 4-stimmigen Chor oder für Orgel mit Solo-sopran geschrieben. Heute wird fast nur die Chorversion gesungen. Dennoch merkt man der Komposition an, daß sie eigentlich für Solo mit Orgel verfasst wurde; die Sopranstimme schwebt quasi über dem als Chor verfassten Orgelpart.

Messiaen wuchs in einem sehr anspruchsvollen literarisch gebildeten Haushalt auf und seine Jugend war geprägt von der spieleischen Annäherung an Shakespeares Werke. Im Alter von etwa 8 Jahren begann er autodidaktisch Klavier zu erlernen und ab 1919 fand er Aufnahme im Pariser Konservatorium, wo er bis 1930 studierte. 1931 bekam er die Organistenstelle an „la Trinité“ in Paris und übte den Beruf 60 Jahre lang aus.